| Der
angespannte Arbeitsmarkt für Chemiker stellt viele Kollegen
vor die Situation, sich eine neue Herausforderung zu suchen. Neben den
klassischen Ausweichmöglichkeiten als Pharmaberater oder
Taxifahrer seine Selbstverwirklichung zu finden, bietet sich
für sportlich Begabte und Frühaufsteher auch die
Möglichkeit eines Engagements als Reststoff-Kollektor. Dr.
Benno Bös, unsportlicher Langschläfer,
möchte das Interesse seiner Kollegen hierfür wecken.
Die Aufgabe,
Reststoffe einzusammeln und einer geordneten Wiederverwendung oder thermischen
Verwertung
zuzuführen, stellt eine wichtige und verantwortungsvolle
Aufgabe dar, die der Einsparung wertvoller primärer
Rohstoffe
und der Verhinderung der Ausbreitung von Seuchen dient. Sie setzt des
weiteren eine integere Persönlichkeit voraus, die zudem
über das Wissen verfügt, die unterschiedlichen
Reststoffe schnell und sicher zu unterscheiden. Die
Möglichkeit der Betätigung an der "frischen Luft",
trägt dabei in besonderem Maße dem heutigen
Zeitgeist Rechnung.
Der Beruf des
Reststoff-Kollektors ist seit 1998 im Altstoff-Nutzungsgesetz (ANG)
dargelegt. Das Gesetz nennt Voraussetzungen, die für die
Ausübung dieses Berufes unabdingbar sind:
- Die Person
muß in der Lage sein, sich an einem in langsamer Fahrt
fortbewegenden Fahrzeug mit der linken Hand festzuhalten.
- Die Person
muß die verschiedenen Reststoffe auch bei schwachem
Laternenlicht sicher unterscheiden können. Insbesondere
muß die Unterscheidung von verrottenden, wiederverwertbaren,
Problemreststoffen und sonstigen Reststoffen (sog. Restreststoffen)
gegeben sein.
Die Unterscheidung
der Reststoffe soll nicht allein nur optisch erfolgen. Vielmehr sieht
das Gesetz eine umfassende organoleptische
Prüfung
vor, so daß auch Sehbehinderten dieser interessante Beruf
offensteht. Gerade Chemikern dürfte die Beanspruchung aller
Sinnesorgane zugute kommen - ist man doch durch langjährige
Labortätigkeit geradezu in der bewußten Benutzung
seiner Sinnesorgane geschult worden. Dennoch stellt sich der
Sachverhalt einfacher dar, als er es in Wirklichkeit ist. Haben Sie
schon einmal versucht, durch Riechen festzustellen, ob sich im
Behälter für verrottende Reststoffe eine
Einkaufstüte befindet? Für Personen ohne Vorbildung
werden entsprechende Lehrgänge angeboten. Ziel der Fortbildung
zum "geprüften Reststoff-Kollektor" ist vornehmlich die
Schulung der organoleptischen Wahrnehmung. In ca.
60134-minütigen Seminaren soll insbesondere die Unterscheidung
von Buttersäure
, Skatol
, Mercaptanen
und einfachen aliphatischen
Aminen
geübt werden. Hier ergeben sich Parallelen zur Ausbildung zum
Weintester oder Parfümentwickler.
Berufsbild
Verpackungen sind
in unserer heutigen Gesellschaft allgegenwärtig. Es wird nach
hygienisch verpackten Lebensmitteln oder auch nach steril verpackten
medizinischen Utensilien verlangt.
|
Wertvolle
elektronische Geräte müssen beim Transport vor Schlag
und Stoß geschützt werden. Andererseits umgibt auch
die Natur ihre Erzeugnisse mit Schutzvorrichtungen, die vor dem
Austrocknen oder vor Pilzbefall schützen sollen. Hinzu kommen
Schlacken, Öle und Schlämme, deren Anfallen trotz
fortschreitender Modernisierung auch noch heutzutage bei industriellen
Prozessen unumgänglich ist.
Aufgabe des
Reststoff-Kollektors ist es, den Erzeugern dieser Materialien seine
Hilfe anzubieten, selbige der Wiederverwertung resp.
ordnungsgemäßen Endlagerung zuzuführen. Er
soll dabei die Erzeuger der Materialien bei der Vorsortierung beraten,
um später den Aufarbeitungsfirmen eine effiziente
Endsortierung zu ermöglichen. Ferner ist er dazu verpflichtet,
Fragen der Entsorgung sachkundig zu beantworten bzw. diffizilere Fragen
an den Arbeitgeber oder entsprechende Behörden weiterzuleiten.
Würde ein Hauseigentümer beispielsweise die
Entsorgung von einem Kilogramm Plutonium in Auftrag geben, so
wäre der Reststoff-Kollektor gesetzlich dazu verpflichtet,
dieses Sachverhalt der zuständigen amtlichen Stelle
mitzuteilen. Reststoff-Kollektoren sind somit in erster Linie
Informationsvermittler zwischen Reststofferzeugern und
Behörden bzw. Entsorgungsunternehmen.
Das
Haupteinsatzgebiet der Reststoff-Kollektoren besteht immer noch im
Kollektivieren von Reststoffen privater Herkunft. Gerade bei diesem
Einsatzgebiet eröffnet sich einem die Möglichkeit
Kontakte mit Hausbesitzern zu knüpfen.
Glücklicherweise gehören dem Kreis der Hausbesitzer
vermehrt auch Führungskräfte aus der chemischen
Industrie und Institutsleiter öffentlicher Forschungsinstitute
oder Universitäten an. Demzufolge ergeben sich auch
für kommunikativ weniger begabte Absolventen
Anknüpfungspunkte zu interessanten Gesprächen, etwa
über Probleme mit den Mietern, die großen
Finanzprobleme der öffentlichen Arbeitgeber oder über
die unwirtschaftliche Beschäftigung deutscher Facharbeiter im
Vergleich zu Heranwachsenden der dritten Welt. Beklagt wurde seitens
der akademisch vorgebildeten Hausbesitzer, öfters der
Sachverhalt, daß es bisher nicht möglich war, mit
Reststoff-Kollektoren über alternative Synthesewege von
chemischen Erzeugnissen zu diskutieren, um so das Reststoffproblem von
der Wurzel aus zu lösen. Dieser Sachverhalt könnte
sich durch den vermehrten Einsatz von Chemikern als
Reststoff-Kollektoren dramatisch verbessern.
Reststoffe stellen
ein heterogenes
Gemenge dar, wie es sonst wohl auf keinem anderen Gebiet vorkommt.
Daher ergeben sich immer neue Herausforderungen: Man muß
ständig dazu bereit sein, seinen Wissensbestand über
Reststoffe zu erweitern, neue Farben, Formen und Gerüche
richtig zu deuten und daraus geeignete Schlüsse zu ziehen.
Daß dies kein triviales Problem ist, läßt
sich in besonderem Maße an der Vielzahl neuer
Früchte, die in unseren Lebensmittelgeschäften
angeboten werden, manifestieren. Oft steht der Reststoff-Kollektor vor
der Frage, ob es sich bei dem vorliegenden Gegenstand um eine
KunststoffVerpackung oder die Schale einer exotischen Frucht handelt.
Wer nicht dazu bereit ist, sein Wissen zu erweitern, wird bereits an
dieser Frage kläglich scheitern.
Der
Reststoff-Kollektor ist verantwortlich für die
Qualität, der von ihm gesammelten Reststoffen. Er
muß dafür Sorge tragen, daß die Deklarierung
der Behälter und deren Inhalt miteinander einher gehen.
|